XS 400 Geschichte

1. Die Yamaha Motor Corporation

Die Geschichte des japanischen Konzerns Yamaha geht zurück bis ins Jahr 1887, als der Firmengründer Torakusu Yamaha (1851 - 1916) in der japanischen Hafenstadt Hamamatsu mit der Produktion von Musikinstrumenten begann. Er war eigentlich Spezialist für medizinische Geräte und bekam 1887 eher zufällig den Auftrag, ein Harmonium für eine benachbarte Schule zu reparieren. Der technisch hochbegabte Yamaha konnte das Harmonium trotz fehlender Kenntnisse über Musikinstrumente reparieren und widmete sich kurz darauf ganz der Herstellung von Tasteninstrumenten.

 

Torakusu Yamaha
Torakusu Yamaha

Originaldatei von hier.

 

Die Yamaha Motor Corporation wurde 1955 aus der Yamaha Corporation heraus gegründet. Auf Grund des Wirtschaftswachstums in Japan und der gestiegenen Nachfrage nach Kraftfahrzeugen begann das Unternehmen mit finanzieller Unterstützung der Regierung mit der Produktion von Motorrädern.

In Deutschland gibt es offiziell seit 1964 Yamaha-Motorräder zu kaufen.

Das erste Motorrad der Yamaha Motor Corporation war 1955 die YA1, die nach dem Vorbild der DKW RT 125 aufgebaut war und "Red Dragonfly" (Rote Libelle) genannt wurde. Sie verfügte über einen luftgekühlten Einzylinder-Zweitaktmotor mit Dreikanal-Umkehrspülung, einen Hubraum von 123 cm³, 5,6 PS Leistung bei 5000 U/min und 80 km/h Höchstgeschwindigkeit. Auf Grund der guten Verarbeitung und guter Platzierungen bei Rennveranstaltungen verkaufte sie sich auf Anhieb sehr gut, so dass monatlich stolze 200 Stück hergestellt wurden.
Der YA1 folgte 1957 nach diversen Weiterentwicklungen des Einzylinders mit der YD1 der erste Zweizylinder. Diese Maschine bildet über die sportlichere YDS1 die Basis für die bekannte und in den 80er Jahren erfolgreiche RD-Baureihe. Neben einer Rennversion wurde die YDS1 auch in einer Scrambler-Version angeboten. 1968 erfand Yamaha mit der DT1 eine neue Motorradkategorie, die Enduro. Die DT1 hatte einen Einzylinder-Zweitaktmotor, war 112 kg leicht und hatte 19 PS.

 


Yamahas erstes Motorrad: YA1, 1955 (Werksfotographie)

 

1970 stieg Yamaha mit der XS1 in die Produktion von Motorrädern mit Viertaktmotor ein. Hierfür mögen verschiedene Gründe ausschlaggebend gewesen sein. Zum einen ist der Niedergang der englischen Motorradindustrie zu nennen, 1970 produzierten nur noch Norton, BSA und Triumph. Hier sah Yamaha wohl zurecht einen Markt frei werden. Mit der XS1 zielte Yamaha zunächst auf den amerikanischen Markt und versuchte die Tradition englischer Maschinen mit moderner japanischer Fertigungstechnik zu verknüpfen. Zum anderen änderten sich mit der wachsenden Zahl von motorisierten Fahrzeugen die Erfordernisse an Energieverbrauch und Abgaswerte. Daher mussten die bis dahin produzierten Zweitakter Motorrädern mit modernen, umweltfreundlicheren Viertaktmotoren weichen.

Nach diversen Umwegen über die TX 750 (1972 bis 1975), die XS 500 (ab 1973) brachte Yamaha mit der XS 360 1976 den ersten großen viertaktenden Verkaufserfolg zustande. Der 360er folgte 2 Jahre später die fast baugleiche XS 400. Zeitgleich mit der XS 360 brachte Yamaha mit der XS 750 auch einen großvolumigen und durchaus konkurrenzfähigen Dreizylinder auf den Markt. Parallel zur XS 400 erschien dann mit der XS 1100 auch ein Vierzylinder, um im Leistungswettrüsten mithalten zu können.

Zwischendurch wurden Klassiker wie die XT (seit 1975), die SR (seit 1978) und die vierzylindrigen Sport-Tourer der XJ-Baureihe (seit 1980) entwickelt. Mit der RD 500 und der Vmax brachte Yamaha in den 80er-Jahren auch 2 großvolumige V4-Motoren mit Zweitakt- bzw. Viertaktmotor auf den Markt. Auf dem Höhepunkt verkaufte Yamaha 1981 weltweit 2,5 Millionen Motorräder.

 

2. Die XS 400

Nach einigem Vorgeplänkel mit der XS 360 (1976), die auf Anhieb zu einem Verkaufsschlager wurde, und der XS 250 (1977), die bei uns weniger Freunde fand, brachte Yamaha 1978 die XS 400 heraus (in den USA wurde sie bereits ab Oktober 1976 als XS 400 D angeboten). Sie war bis auf den Radius der Zylinderbohrung mit der XS 360 identisch, also mit einer obenliegenden Nockenwelle und einem von vielen als zu klein empfundenem 11-Liter-Tank ausgestattet und ist bei uns heute als Typ "2A2" bekannt. Überhaupt verfolgte Yamaha in der XS-Reihe ein Baukastenprinzip um seine Maschinen bei guter Qualität zu ansprechenden Preisen anbieten zu können. Die XS 400 wurde in Deutschland mit 27 PS / 20 kW angeboten, um nach der drastischen Verteuerung der Versicherungsprämien in Verbindung mit einer Umstellung von hubraum- auf leistungsbezogene Tarife im Jahr 1977 Schüler, Azubis, Studenten und andere Motorradinteressierte mit geringem Einkommen anzusprechen. In anderen Ländern wurde sie mit 38 PS / 28 kW angeboten. Die Drosselung erfolgte im Wesentlichen über die Nockenwelle. 1978 war die XS 400 auf Anhieb das meistverkaufte Motorrad in Deutschland.

1979 musste sich die XS 400 einer ersten Modellpflege unterziehen. Der vielfach als zu klein empfundene Tank wuchs auf 16 l, die Hinterradschwinge wurde um 40 mm verlängert, die Fahrerfußrasten wurden um 10 cm nach hinten verlegt und das Hinterrad wurde nun mittels Trommelbremse verzögert. Parallel wurde der wachsenden Beliebtheit von Softchoppern Tribut gezollt und 1980 die XS 400 SE auf den Markt gebracht. Sie zeichnete sich durch eine 16''-Felge im Hinterrad, einen Tropfentank, eine andere Auspuffanlage und weitere kosmetische Veränderungen aus. So blieben die XS 400 und die XS 400 SE bis 1982 im Programm.

In anderen Ländern wurde die XS 400 je nach Gesetzeslage und Kundengeschmack mit teilweise unterschiedlichen Merkmalen ausgeliefert. So gab es z. B. Modelle mit Speichenrädern, mit Duplex-Trommelbremse im Vorderrad und ohne E-Starter und Hauptständer (XS 400 2E).

Die Verkaufszahlen für Deutschland sind in der folgenden Tabelle zusammengestellt.

 

Verkaufszahlen XS 360 / XS 400
Jahr
XS 360 XS 400
XS 400 SE
XS 400 dohc
1977 6156      
1978 160 4842    
1979   3813    
1980   3784 1211  
1981   2838 1826  
1982   2017 1199 545
1983   226 332 1879
1984       1982
1985       448
1986       391
1987       181
1988       175
Summe 6316 17520 4568 5601

 

Für 1982 wurde dann eine komplett neue Maschine entwickelt, die mit der bisherigen XS 400 im Wesentlichen nur noch den Namen gemein hatte und heute unter XS-Freunden als Typ "12E" bekannt ist. Technisch war diese XS 400 der Höhepunkt der XS-Baureihe. Sie kam mit zwei obenliegenden Nockenwellen, 399 cm³ Hubraum, einer Cantilever-Schwinge (Zentralfederbein) sowie einem völlig neuen Outfit daher, das sich vom klassischen Motorradstil ab- und den 80er-Jahren zuwandte. Hier sei als Beispiel das spitz zulaufende Heck genannt. Der Motor war nun schwarz und leistet in der offenen Version 45 PS / 33 kW, in Deutschland wurde aber weiterhin eine über die Nockenwellen gedrosselte 27 PS-Version angeboten. Neben der zweiten Nockenwelle spendierte Yamaha dem Motor eine Ausgleichswelle und das sogenannte YICS (Yamaha induction control system), das helfen sollte, den Verbrauch der Maschine zu reduzieren. Die Lichtmaschine wurde über das Getriebe verlegt um den Motor schmaler zu machen.

Auch von der neuen XS 400 gab es eine Softchopper-Version, die XS 400 Maxim. Diese wurde aber in Deutschland nicht ausgeliefert und ist bei uns dementsprechend rar. Bei der Kundschaft kam die neue XS 400, vermutlich wegen ihres ungewohnten Designs, nicht gut an und dieser Misserfolg führte 1987 zum Rückzug Yamahas aus der XS-Reihe und der gesamten Zweizylinderfamilie.

Heute sind die Maschinen zwischen 25 und 35 Jahre alt und werden auf Grund ihrer soliden wie einfachen Technik von vielen Bastlern und Youngtimer-Fans geschätzt. Auf Grund ihrer damaligen Verkaufserfolge, die sie von vielen anderen Klassikern unterscheidet, sind noch genügend Motorräder und Ersatzteile auf dem Markt und eine XS 400 dementsprechend ein relativ günstiger Youngtimer.

 

 

Zeitgleich mit dem Erscheinen der XS 400 rief Yamaha 1978 in Deutschland den Yamaha XS 400 Cup ins Leben.


3. Über die Entstehung einer XS 400

Anfang des Jahres 1979 flog der Motorrad-Autor Robert Poensgen nach Japan, um den Beginn der Produktion des 79er-Modells der XS 400 und die Entstehung einer XS 400 hautnah zu beobachten. Im Folgenden gibt es eine Zusammenfassug seiner Erlebnisse im Land der aufgehenden Sonne. Der vollständige Bericht kann in der "Motorrad", Heft 7 vom 4. April 1979 nachgelesen werden.

Die XS 400 wurde in Iwata bei Hamamatsu, dem Zentrum der japanischen Motorradfertigung, produziert. Neben Yamaha saßen hier auch Honda und Suzuki. Das Yamaha-Werk hatte Ende der 70er Jahre rund 5.000 Beschäftigte auf einer Fläche von knapp 400.000m².
Von der Bestellung des Händlers in Deutschland bis zur Verschiffung dauerte es 3 Monate. So viel Zeit war notwendig, um die Produktion und die Zulieferer vernünftig zu koordinieren. Normalerweise schickte Yamaha / Mitsui ein Schiff pro Monat nach Europa, bei Bedarf, z. B. zu Beginn der Saison, auch 2. Die Produktion schaffte 150 bis 200 XS 400 pro Tag, die Gesamtproduktion wurde auf ca. 100.000 geschätzt, abhängig vom Absatz.

Bei der Endproduktion wurde aus ca. 1000 Teilen eine XS hergestellt. Nicht berücksichtigt sind hierbei diverse Vorarbeiten durch Zulieferer, wie die Produktion von Kabelbäumen, Lichtmaschinen, Vergasern und Armaturen, die fertig angeliefert und verbaut wurden. Die Herstellung von Teilen, wie z. B. die Fertigung der Rahmen, die Vormontage der Gabeln, das Gießen von Motorteilen und die Fertigung von Kurbelwellen und Zahnrädern war zum Zeitpunkt der Montage ebenfalls bereits abgeschlossen.

Auf einem ersten Montageband wurde zunächst der Motor zusammen gebaut. Das Motor-Montageband hatte für die XS 400 eine Länge von 125 Metern. 59 Beschäftigte arbeiteten an diesem Band. Alle 40 Sekunden ging das Band einen Schritt weiter. Daraus ergab sich eine Fertigungsdauer von gut 56 Minuten. An die Fertigung schloss sich ein Motortest auf einem ebenfalls auf einem Band laufenden Prüfstand an. Der Test dauerte 5 bis 10 Minuten. Wenn der Motor durch den Prüfingenieur für gut befunden worden war, wurde er zur Endmontage in ein Motorrad freigegeben.


Prüfingenieur am Motorprüfstand (Foto: Motorrad, 1979)

Die Endmontage fand auf einem weiteren Montageband mit einer Länge von 140 Metern statt. 87 Mitarbeiter setzten hier in exakt 53 Minuten und 1 Sekunde die XS 400 komplett zusammen. Als erstes wurde am Motor eine Motornummer auf der vorgesehenen Fläche eingeschlagen. Dann erfolgte der Einbau in den Rahmen und die Montage der übrigen Teile. Nicht montiert wurden das vordere Schutzblech, die Blinker und der Kennzeichenhalter.


Montageband in Iwata (Foto: Motorrad, 1979)

Nach der Montage ging das quasi fertige Motorrad auf einen weiteren Prüfstand für Licht, Bremsen und Räder. Nach erfolgreicher Prüfung wurde die XS 400 teilweise demontiert und für die Verschiffung in eine Versandkiste verpackt. Am Demontageband (108 Meter) brauchten 60 Arbeiter 20 Minuten um die Maschine versandfertig zu machen. Danach wurden die teilzerlegten und verpackten Maschinen vom Zoll geprüft, einem Speditionsunternehmen übergeben und zum Hafen gebracht. Die anschließende Schiffahrt nach Hamburg dauerte damals etwa 29 Tage.


Verpackung für den Versand (Foto: Motorrad, 1979)

In Deutschland kostete eine XS 400 im Jahr 1979 beim Yamaha-Händler 4552 DM, bei anderen Händlern (Louis, Moto Maximum, ...) war sie ab etwa 3900 DM zu bekommen.

 

4. Quellenangabe

Abgeschrieben habe ich aus einigen der unter Literatur aufgezählten Werke und

Yamaha Motorräder seit 1955, Joachim Kuch und Jürgen Gaßebner (Motorbuchverlag, 2004)
Wikipedia Online Dictionary (www.wikipedia.de)
Kraftfahrt-Bundesamt, Statistische Mitteilungen, Reihe 2 (www.kba.de)
www.xs400.de
www.xs650.de
www.yamaha-sport.de
www.cupyamaha.com
www.yamaha-cup.de
www.motograndprix.de

von Martin
Ergänzungen und Korrekturen bitte an mich.

Diese Seite wurde zuletzt beschraubt am 18.05.2017 um 21:15.